15.09.2011
Ihr erster Eindruck täuscht Carolin Berger meistens nicht. Etwa dann, wenn schon im Willkommensgespräch die ersten Widersprüche auftauchen. Spätestens aber, wenn es um die persönliche Biografie des neuen Gasts geht: „Ich merke schnell, ob jemand an Demenz erkrankt ist oder nicht“, erklärt die 26-Jährige. Seit Januar ist sie in der St. Vinzenz Kurzzeitpflege des Caritasverbandes für den Kreis Unna an der Mühlenstraße für die Betreuung der Demenzkranken zuständig. „Für mich ist es zu einem Traumberuf geworden“, meint die Diplom-Gerontologin, „weil ich ein gutes Gefühl habe, wenn ich nach Hause gehe.“
Es sind die kleinen Erfolgserlebnisse, die Carolin Berger in ihrem Tun bestärken. „Wenn jemand spricht, obwohl er das schon lange nicht mehr getan hat, oder mich anlacht, dann freue ich mich besonders“, beschreibt die Mitarbeiterin der Sozialen Betreuung die schönsten Momente. Doch dazu bedürfe es jeder Menge Geduld und Einfühlungsvermögen, führt sie aus. Stets stellt sich ihr dabei die eine Frage: Wie kann ich diese Person fördern? Schon während ihres Studiums hat sich Berger intensiv mit dem Thema Demenz auseinandergesetzt, auch ihre Diplomarbeit zum Thema verfasst. Ihr Wissen nutzt sie nun, um Demenzkranke nach ihren individuellen Möglichkeiten zu aktivieren.
Bis zu 25 Menschen finden Platz in der Caritas-Einrichtung, 800 An- und Abreisen pro Jahr sorgen für eine ordentliche Auslastung. Der Anteil derjenigen, die an Demenz erkrankt sind, variiert stark. „Mal sind es 50 Prozent, mal nur zwei Personen“, weiß Einrichtungsleiterin Heike Mace. Manche bleiben Tage, andere Wochen, je nach Pflegekasse oder Eigenaufwand der Angehörigen. Die Gründe sind unterschiedlich: Reha nach einem Krankenhausaufenthalt, Wartezeit auf einen Heimplatz, Entlastung der Familie. „Bei Demenzkranken versuchen wir, alle Sinne zu aktivieren“, erklärt Carolin Berger, „auch wenn sie nur ganz kurz bei uns sind.“ Kochen für Geruchs- und Geschmackssinn, Musik fürs Ohr, Fische und Pflanzen fürs Auge, Kaninchen für den Tastsinn und die Seele, Podenko-Rüde „Butch“ für alle. Dazu gibt es jede Menge Gespräche. Die regelmäßigen Angebote, festgehalten im Wochenplan, hat Berger selbst erarbeitet: Die 10-Minuten-Aktivierung regt das Gedächtnis an, beim Erinnerungscafé wird über Früher, zum Beispiel über das Thema Bauernhof gesprochen. Hinzu kommen Sing-, Kreativ- und Spielangebote.
Über allem steht für Carolin Berger jedoch eines: „Wir gucken erst mal, was die demenziell Erkrankten noch alleine können, denn manche Angehörige trauen ihnen einfach nichts mehr zu und lassen sie auch nichts mehr machen.“ Alle Maßnahmen und Fortschritte dokumentiert Berger für den Medizinischen Dienst. „Viele Angehörige waren schon erstaunt, was die Demenzkranken noch können, wenn man sie etwas fordert“, weiß sie. Viele alte Lieder etwa sind noch tief im Kopf verankert, und auch bei der Zeitungsrunde kommen Erinnerungen an Ort und Begebenheiten wieder hoch. Besonders freut das Team der St. Vinzenz Kurzzeitpflege aber, dass es den Gästen dort richtig gut gefällt. „Viele kommen immer wieder“, erklärt Carolin Berger, „und werden schon bei der Abreise für den nächsten Aufenthalt angemeldet.“